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Über den (Un)Sinn von Kinderzimmern

Weil wir eine Zeit lang immer wieder gefragt wurden, wie wir das machen mit so vielen Kindern und einer 3-Zimmer Wohnung, hier mal mehr dazu  WARUM wir das so machen wie wir es machen.

Vor langer Zeit lebte eine siebenköpfige Familie mehr oder weniger zufrieden in zwei Zimmern.Eins davon hatte vielleicht einen Ofen, das war dann eine feine Sache. Vor dem Ofen saß den ganzen Tag lang eine Oma, die in ihren Armen das jeweils jüngste Kind hin und her wiegte. Die größeren beschäftigten sich mit einfachen selbst gezimmerten Spielsachen. Ein Ball war so wertvoll wie ein Lottogewinn und mit ein paar Hölzchen wurde jedes beliebige Rollenspiel improvisiert.

Wir leben in einer anderen Zeit und ich bin dankbar dafür, dass es gemütliche Badezimmer mit fließendem Warmwasser gibt. Ich finde es großartig, dass ich für unsere Stoffwindeln und alle die anderen Klamotten eine 6kg-Waschtrommel habe, die hier zuverlässig ihre Runden dreht. Unsere Wohnung ist geräumig und bietet Platz zum Beisammensein, genauso wie zum Rückzug. Wir haben eine Küche, ein sehr geräumiges Bad und drei schöne große Zimmer in denen wir wohnen, essen, basteln, spielen und schlafen.  Als unser zweites Kind unterwegs war, kam von manchen Seiten aus die mitfühlende Feststellung: “Oh, dann müsst ihr ja schon wieder umziehen. Ihr habt ja nur ein Kinderzimmer.” Richtig. Wir haben Kinder und wir haben ein Kinderzimmer. Die Frage nach einem Zimmer pro Kind hat für mich nichts mit dem zur Verfügung stehenden Raumangebot zu tun. Selbst, wenn wir hier 12 Zimmer hätten würde ich keine drei Kinderzimmer einrichten. Zumindest nicht in den nächsten fünf Jahren.

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Raum für Nestwärme

Wenn ein Kind auf die Welt kommt, hat es ein paar wenige Grundbedürfnisse. Ein eigenes Zimmer gehört nicht dazu. Im Gegenteil. Es dürfte so ziemlich das letzte auf seiner Liste “welche Erwartungen ich an das Leben in der Welt habe” stehen. Weil seine Eltern das nicht wissen, investieren sie Zeit in den Bummel durch´s Möbelhaus und viel Geld für eine Zimmereinrichtung, die eigentlich niemand braucht. Oft werden weit über 1000,- Euro für so ein Babymuseum ausgegeben. Mittendrin ein Wickeltisch wo dann zu den entsprechenden Tageszeiten ein Heizstrahler für die nötige Nestwärme sorgen soll. Im Schrank verlieren sich winzige Strampler und Bodys in riesigen Fächern und im Regal sagen sich Kuschelhase und Spieluhr gute Nacht. Vielleicht wird tagsüber noch der Kindersitz hier abgestellt. Ein Stillsessel hofft, dass Mama sich in der Nacht möglichst oft neben das Gitterbett setzt und für ein bisschen Behaglichkeit sorgt. Denn im Bett ist es ziemlich einsam und kalt. Schließlich will die optimale Schlaftemperatur von 18,5 Grad nicht überschritten werden. Kuscheltiere, Nestchen und Schaffell im Bett dürfen nicht sein, wegen der PROPHYLAXE.  Ich finde das furchtbar für die Kinder und die Eltern. Im Grunde kann ich es mir gar nicht anders vorstellen, als das instinktiv auf beiden Seiten der Wunsch nach einem gemeinsamen Schlafraum vorhanden ist. Sicherheit durch Nähe und direkten Kontakt ist  durch nichts zu ersetzen. Erst recht nicht durch eine  Plastikmatte mit Elektrosensoren, die direkt mit dem Kinderbett erworben werden kann. Das beste Kinderzimmer  ist zwischen 1,60 und 3m breit und heißt Familienbett. Es ist gratis oder mit relativ geringen Anschaffungskosten verbunden. Im Grunde bedarf es nur ein paar kreativer Ideen wie die Liegefläche vergrößert werden kann. Das gesparte Geld welches für die Kindermöbel vorgesehen war, bringt  1000mal mehr Freude für alle, wenn es z.B. in eine Reinigungsfee investiert wird, die dafür locker ein Jahr lang jede Woche ins Haus kommen kann.

Zusammen leben, spielen und arbeiten

Mit dieser Schlaflösung und ohne den dringenden Wunsch im Hinterkopf, wann das Kind “endlich” bereit ist im eigenen Zimmer zu schlafen, wird die Familie lange eine glückliche Zeit ohne Kinderzimmer verleben können. Selbst wenn die Kinder drei Jahre alt sind, können sie meist noch nicht viel mit einem eigenen Zimmer anfangen. Die gesamte Kleinkinderphase hindurch wird es wenn überhaupt als Spielzeugendlager oder Nachtgarage für die Eisenbahn dienen. Denn am Tage gilt im Prinzip das gleiche wie in der Nacht: Kinder wollen bei ihren Eltern sein. Wer also ein Zimmer übrig hat, kann sich hier eine Nähecke oder seinen Arbeitsplatz einrichten. Dann wird das Kind sich hier auch gerne aufhalten wollen und sich für einige Momente in Mamas Beisein selbst beschäftigen. Erst fünf- bis sechsjährige entwickeln nach und nach das Bedürfnis sich alleine oder mit Freunden zurück zu ziehen und völlig unbeobachtet von den Eltern ihrem Spiel nachzugehen. Und dafür ist es dann auch gut uns sinnvoll, einen Raum zu haben, der hierzu genutzt werden kann. Das bedeutet aber immer noch nicht, dass er ausschließlich als Kinderzimmer dienen muss. Wir regeln das so, dass im Kinderzimmer, die Kinder die “Bestimmer ” sind. Sie entscheiden, welche Musik hier läuft und wenn ich nähe oder an meinem Arbeitstisch bastle, dann füge ich mich ein. Im Wohnzimmer ist es umgekehrt. Hier darf gespielt und gebaut werden, aber am Abend wird aufgeräumt, kehrt Ruhe ein. Hier bestimmen die Eltern die Rahmenbedingungen und es wird gefragt, bevor Möbel gerückt werden.

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Die Umgebung an die Bedürfnisse der Familie anpassen, nicht umgekehrt

Unsere Kinder sind jetzt sechseinhalb, drei Jahre und 9 Monate alt. Wir haben ein gemeinsames Schlafzimmer mit Doppelbett, Beistellbett und Hochbett. Ich vermute, dass nochmindestens 1-2 Jahre vergehen, bis das ersten Kind auf eigenen Wunsch ins Kinderzimmer umzieht. Wenn ich mir einen zusätzlichen Raum wünschen dürfte, dann wäre das eine Werkstatt für meinen Mann in der seine ganzen Werkzeuge Platz finden und wo er und die Kinder nach Herzenslust ihren Bauarbeiten nachgehen können. Ein Bibliotheks-und Musikzimmer für uns alle oder eine Abstellkammer für den Staubsauger wären alternativ auch ganz nett. Was die Kinder betrifft, gibt es noch viele Raumnutzungsideen, die zu Einsatz kommen können, wenn es notwendig wird. Der Einbau einer Hochebene als Rückzugslounge ist eine davon. Ich gehe davon aus, dass der Tag kommen wird, an dem das älteste Kind gerne ein eigenes Zimmer haben will. Dann werden wir weiter sehen und Lösungen finden. Fest steht, dass eine Mehrzimmerwohnung auch mit Mehrkosten verbunden ist. Und auch beim Hausbau fließt in jedes zusätzliche Zimmer eine Menge Geld für eine relativ kurze Zeitspanne in der es wirklich genutzt wird. Konflikte zwischen Geschwistern über meins, deins, Gerechtigkeit und Gemeinheiten wird es unabhängig von der Anzahl an Kinderzimmern wohl immer geben. Weil die Familie das beste Trainingscamp für das Erwachsenenleben ist.

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One thought on “Über den (Un)Sinn von Kinderzimmern

  1. Vielen Dank für diesen denkanregenden und wahren Artikel!
    Wir erwarten in den nächsten drei Wochen Nachwuchs und haben uns bewusst gegen ein eigenes Zimmer für sie entschieden. Wofür auch, wenn sie bei uns schläft, spielt, wacht und Zeit verbringt?
    Aber je mehr ich darüber nachdenke, umso weniger möchte ich auch in einer späteren größeren Wohnung ihr ein eigenes Zimmer (in der klassischen Vorstellung) zuteilen. Eure Ideen gefallen mir sehr gut und werden mir sicher lange im Gedächtnis bleiben. 🙂

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