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Treffen sich zwei Hebammen

Und jede hat ein Baby dabei. Sie haben sich lange nicht gesehen und wollen zusammen frühstücken. Und so sitzen sie da in der Sonne. Zwei Mütter und  ihre Babys. Die Unterhaltung findet gemeinsam statt. Mal reden die Kinder, mal wir. Ein Kind nimmt kleine Stückchen vom Pfannkuchen. Das andere vergnügt sich ausgiebig mit der Portion Frischkäse, die in einer kleinen Schale angerichtet ist  war. Es ist schön zu beobachten, wie die beiden Kleinen mit ihren 8 und 9 Monaten miteinander kommunizieren. Zwischendurch mal ein prüfender Blick zur eigenen Mama. Ein kleiner Streichler mit der Käse-Hand oder ein Nasenpatscher mit Ahornsirup zwischen den Fingern. Irgendwann werden beide nacheinander unruhig. Toilettengang mit zwei kleinen Krabbelkindern. So viel Selbstständigkeit ist ganz schön aufregend. Kurze Ruhepause an Mamas Brust. (M)ein Baby schläft ein. Eins ist munter und lacht in die Sonne, die die kleinen blauen Augen noch mehr strahlen lässt.

Nach dem Frühstück ein kleiner Spaziergang. Ich lerne, dass auch größere Kinder (bis 12kg) noch gut in einem Jersey-Tuch getragen werden können, wenn es die nötige Stabilität bietet. Bei diesem hier scheint das der Fall zu sein. Jedenfalls sieht es für Mama und Kind sehr bequem aus. Vor allem ist es ganz Känguru-like möglich, unterwegs zu stillen. Das Baby kann sich an der Brust selbst bedienen und hat genügend Bewegungsfreiheit um seine Position dafür zu verändern. Ich staune und finde es super.

Grüne Wiese in der Stadt und wir tragen unsere Kinder. Ich lausche der wunderschönen Erzählung über die Hausgeburt. In meinen Ohren klingen Freiheit und Innigkeit gemeinsam. Ich spreche nach langer Zeit auch mal wieder über die Geburt meines Kindes im letzten Sommer. Da wurde es nix mit der Ankunft im geborgenen Nest zu Hause. Mein Baby kam dort zur Welt, wo ich es niemals wollte. In einem Krankenhaus, das ich mir noch nicht einmal ausgesucht hatte. Nach zwei außerklinischen Geburten und keiner  nachvollziehbaren medizinischen Indikation war diese Geburt in einem Berliner Krankenhaus für mich wie ein schlechter Scherz gewesen, in dem ich ungewollt die Hauptrolle spielte. Ich denke wenig daran, weil ich das wohlig- warme Gefühl vermisse. Die Erinnerung an einen sanften Zauber, der durch´s Fenster herein fliegt wenn im Zimmer ein Kind geboren wird. Mein Kind. Bei Nikolas Geburt gab es keine Fenster. Die komplette geburtshilfliche Abteilung war fensterlos. Wir tauchten ab in eine fremde Welt, für ein paar Stunden und kamen mit einem Baby nach Hause. Ich fühle mich wie eine Fremde in einem so wichtigen Augenblick, der doch Teil meines Lebens ist. Das sind doch nicht wir.

Die Geburt verlief reibungslos. Mein Baby kam leicht in die Welt und tat sich doch so schwer. Ich spürte in den ersten Wochen, wie gerne wir beide ganz da sein wollten, doch es gelang uns nicht. Ich war unendlich traurig und traute mich mit dieser Traurigkeit kaum in die Welt, weil doch “alles gut gegangen” war. Und das war es, was ich auch bei meinem Kind spüren konnte. Er traute sich nicht in die Welt. Vielleicht, weil er die Zuversicht vermisst hat, dass sie gut sein wird. Ich konnte sie ihm nicht geben. Ein ganz lieber und besonderer Osteopath, der sehr viel von seinem Handwerk versteht, half uns Beiden zueinander zu finden. Mit seiner Begleitung erlebten wir diesen “Hallo, du bist da – Moment” der uns nach der Geburt gefehlt hatte ein paar Wochen später in einem kleinen 400Jahre alten Bauernhaus am Rand der belgischen Eifel. Jetzt waren wir beide angekommen.

Ich erinnere mich daran, wie meine Freundin Sonja vor wenigen Wochen sagte: “Du bist uns bleibst eine Hausgeburtsmama. Etwas anderes käme mir nicht in den Sinn.” Da habe ich mich gefreut und gleichzeitig hat sie mir wieder so unendlich gefehlt…. meine eine Hausgeburt. Beim Spaziergang erzähle ich also alles noch einmal. Ich fühle mich verstanden mit diesem unsichtbaren Verlust, den sonst außer mir niemand sieht. Wir holen die beiden großen Kinder von der Schule und im Kindergarten ab. Der kleine Bruder lacht seine Hausgeburts-Hebamme von damals an und rennt weg, die nackten Füßchen laufen hinter seiner Schwester her. Mein Herz tanzt. Sonst bin ich immer die Hebamme, die staunt wie groß diese kleinen Menschen geworden sind, die ich eben noch im Bauch der Mama hin und her gewiegt habe. Jetzt denke ich an die Zeit mit dem Zauber, der zum Fenster herein kam.

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Am Nachmittag sind wir im Schwimmbad. Die große Schwester macht einen Seepferdchen-Kurs und ich unterhalte mich mit Uta, während die Kinder sich umziehen. Wie ich hat Uta drei Kinder und wir stellen fest, dass nur wenige Häuser zwischen unseren Wohnungen liegen. Passend zum bisherigen Thema des Tages kommen wir auf die Geburten der Jüngsten zu sprechen. Uta erzählt, wie sie mit Geburtswehen in die Klinik kam und sich sicher war, dass ihr Kind nun bald kommen würde. Die diensthabende Ärztin drückte ihr nach der Erstuntersuchung eine Tablette zur Weheneinleitung in die Hand mit den Worten: “Erst zwei Zentimeter Muttermundsöffnung. Das ist ja bei einer Drittgebärenden quasi Dauerzustand in der Schwangerschaft. Das bedeutet noch gar nichts. Wir leiten ein”. Ich wollte schon meiner Empörung Ausdruck verleihen, da begann der wahnsinnig coole Teil der Geschichte: Voller Vertrauen in ihren eigenen Körper und die Zeichen, die er ihr gab wusste Uta, die Geburt hatte begonnen. Alles nahm seinen guten Gang. Sie ließ die Tablette im Müll verschwinden und setzte ihre Beleghebamme, die kurz darauf eintraf, darüber in Kenntnis. Kurze Zeit später brachte sie aus eigener Kraft, mit viel körpereigenem Oxytocin ihr Kind zur Welt. Was für ein schöner Tag, an dem ich gleich mehrere Geschichten über gelungene und selbstbestimmte Geburten erzählt bekomme. Gleichzeitig stellt sich an so einem Tag umso mehr die Frage: Warum, ist es immer noch die Ausnahme? Wie viele Frauen da draussen erleben unter der Geburt viele Interventionen und Eingriffe, die letztlich das empfindliche und fein aufeinander abgestimmte Antennensystem zwischen Mutter und Kind so sehr aus dem Gleichgewicht bringen, dass eine (notfallmäßige) Schnittentbindung schließlich unumgänglich erscheint. Die womöglich noch als die große und heilbringende Rettung für Mutter und Kind gefeiert wird  (“Ein Glück, dass sie in der Klinik waren”). Dem kann in sehr vielen Fällen entgegengesetzt werden “Zu Hause wäre das nicht passiert”.

Wenn eine Hebamme, die ihr Handwerk versteht zwei wache Augen und ihre schützende Hand über Mutter und Kind hält.

Wenn eine Hebamme, mit Freude und allem nötigen Wissen im Hintergrund das Geschehen beobachtet.

Wenn eine Hebamme gelernt hat, dass Geburt an sich ein erfolgsorientiertes Prinzip ist.

Wenn eine Hebamme erkannt hat, dass Mutter und Kind stets miteinander interagieren.

Wenn eine Hebamme beobachtet und besonnnen handelt, wenn etwas aus dem Gleichgewicht geraten ist.

Wenn eine Hebamme sich so zurück nimmt, dass die Mutter nachher weiss, sie hat aus eigener Kraft ihr Kind zur Welt gebracht.

Dann ist eine Geburt das erhabenste Ereignis, dem man auf diesem Planeten beiwohnen kann.

Dann hat das Leben sich selbst die größte Ehre erwiesen, weil ein kleiner Mensch die Welt in Liebe begrüßen darf.

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Am Abend nehme ich mein Baby mit zur Chorprobe. Ich war am Nachmittag im Schwimmbad schon ohne ihn unterwegs und der Vater ist heute ein bisschen angeschlagen. Ich beschließe einfach so lange zu bleiben, wie Nikolas entspannt mit macht. Er genießt die ersten anderhalb Stunden an meinen Rücken gekuschelt im Tragetuch. Er flirtet mit meinen Nachbarinnen rechts und links und verschenkt freigiebig sein strahlendes Lächeln. Nach 10 Minuten heißt er “Chorbaby”, in der Pause ist er dann schon “unser Sopranbaby – der Alt hat schließlich bald selbst eins”.

Ich bin heute erst zum vierten Mal hier. Das Baby ist ein Turbo-Kontaktbeschleuniger und ich staune wieder über die vielen tollen Geburtsgeschichten. 2 Kinder im Geburtshaus hier, 3 da.( “Klar, wo denn sonst?” ) Dieser Tag hat es in sich und ich verspüre zum ersten Mal seit langer Zeit so eine Art inneren Aufschwung in Bezug auf die Hebammenarbeit als solche. Die nicht mehr tragbaren Versicherungsprämien und Gruselgeschichten über interventionsreiche Geburten hatten in der letzten Zeit recht häufig all das überschattet, weswegen ich Hebamme geworden bin. Nicht zuletzt meine Hilflosigkeit meiner eigenen “verlorenen Hausgeburt” gegenüber.  Es ist später Abend. Mein Mobiltelefon meldet eine sms. Mein “Patenkind” aus der Hebammenschule ist Mama geworden. Sie ist glücklich über “das schönste Baby der Welt” in ihren Armen.

Ein Tag mit ganz persönlichen und individuellen Eindrücken über diese verrückteste, kraftvollste und wunderschönste Grenzerfahrung die wir als Mütter erleben dürfen, geht zu Ende. Ich bin beflügelt von den intensiven Momenten die ich an diesem Tag mit anderen Frauen teilen durfte. Ich habe ein paar neue Sichtweisen und praktische Dinge, wie ein elastisches Tragetuch kennen gelernt. Ein bezauberndes kleines Mädchen, das in dem Tuch saß, hat mir sein Lächeln geschenkt. Von seiner Mama durfte ich lernen, dass es sich lohnt ganz lange stehen zu bleiben um einem Hund hinterher zu schauen, den das Baby gerade entdeckt hat.

Von mir selbst habe ich gelernt, dass es ok ist traurig zu sein. Ich möchte diese Geburt wieder in mein Leben lassen, auch wenn sie sich noch so fremd anfühlt. Vielleicht wird es nie wirklich gut sein. Aber ich weiss jetzt wie wichtig es ist, überhaupt etwas zu fühlen. Möglicherweise kommt dann der Tag, an dem sich in der Traurigkeit doch noch ein kleiner Zauber entfaltet. Ein kleiner Flügelschlag davon hat sich ja schon einmal gezeigt, als mein Sohn mich zum ersten Mal richtig angeschaut hat und ich ihn.

In drei Tagen ist Muttertag. Feier Dich und genieße Deine Kraft. Erfreue Dich an der Fülle in Deinem Leben, egal wie sie sich gerade zeigt. Das wird niemand anders für Dich machen, wenn Du es nicht selbst in die Hand nimmst. So weisst du immer mehr was wirklich gut für Dich ist. Und wenn dann mal jemand kommt und glaubt es besser zu wissen, dann lächelst du und lässt es einfach im Müll verschwinden… 😉

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4 thoughts on “Treffen sich zwei Hebammen

  1. Meine Liebe,
    was für ein wunderbar bewegender Text!
    Ich weiß gar nicht was ich “sagen” soll,
    Du wirst geliebt unendlich.

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